Alive and Kicking

Dienstag, 12. Mai 2009, 14:49 in China (UTC+8)

Obgleich meine andauernde Abstinenz von den modernen Möglichkeiten der Massenkommunikation zu verschiedenen Vermutungen verleitet haben könnte, bin ich gesund und munter wie eh und jeh!

Überlebt habe ich in den letzten Monaten unter anderem (in konsequent anti-chronologischer Ordnung):
 

Eine wilde Bootstour auf dem Westsee mit sympatisch verrückten Mitgliedern der Studentenvertretung (学生会, xuésheng huì)
 

Einen Trip nach Hong Kong (香港, Xiānggǎng), wo westliche Kultur und chinesische Welt auf eine faszinierende Art farbenfroh verschmelzen
 

Yangshuo (阳朔, Yángshuò), ein Touristenmoloch in Südchina, das seine Opfer mit seiner bezaubernder Landschaft anlockt
 

Einen rasanten Ausflug in die Reisterrassen nördlich von Guilin (桂林, Guìlín)
 

Eine durchaus wilde und wenig komfortable chinesische Achterbahn (过山车, guòshānchē)
 

Ein nahrhaftes Wochenende zu Gast in der Familie meiner guten chinesischen Freundin und Kommilitonin Huang Ying (黄颖, Huáng Yǐng)
 

Einen Anflug von Höhenangst auf einem nur teilweise restaurierten Stück der Chinesischen Mauer (万里长城, Wànlǐ Chángchéng)
 

Heerscharen von Touristen aus allen Provinzen Chinas und der ganzen Welt in Peking (北京, Běijīng)
 

Den Besuch von einem ganz besonderen Menschen (小猫, Xiǎomāo)
 

Eine Nacht bei einem älteren chinesischen Ehepaar in einem Dorf inmitten des wunderschönen Landkreises Wuyuan (婺源, Wùyuán)
 

Schöne Abende am Ufer des Westsees (西湖, Xīhú)
 

Einen Tagesausflug ins historische Wasserdorf Wuzhen (乌镇, Wūzhèn), dessen alter Dorfkern sich entlang eines Kanals erstreckt
 

Hochgeschätzten internationalen, fast schon multikulturellen Besuch
 

Die Einweihung unserer neuen WG außerhalb des Campus, in der ich seit nunmehr drei Monaten mit Philipp (Deutschland) und Hendy (Indonesien) lebe
 

Eine Tour nach Nanjing (南京, Nánjīng), historische Hauptstadt der Republik China
 

Das laut und lang gefeierte Frühlingsfest (春节, chūnjié) zum Auftakt des chinesischen Jahrs des Erd-Rinds
 

Einen absehbaren, dennoch nicht minder folgenschweren Abschied
 

Die Abschlussklausur in Algebraische Topologie (代数拓扑, dàishùtuòpū) und damit einen echten chinesischen Schein
 

Sylvester mit einer genialen internationalen Gruppe im märchenhaften, aber extrem kalten Budapest (布达佩斯, Bùdápèisī)
 

Eine nette Weihnachtsvorfeier mit meiner international besetzten Klasse (im Bild: der frankophone Block)
 

Eine rührende Auszeichnung als “Delegate of Friendship” bei der Pan-Yangtze River Delta Model United Nations Conference 2008 (Thema im internationalen Plenum: Umweltpolitik; im chinesischen Teil: Menschenrechte)
 

Mehr Fotos in der Bildergalerie!

Abgetaucht: Schwimmübungen im Meer chinesischer Zeichen

Donnerstag, 20. November 2008, 19:16 in China (UTC+8)

Wie man mir vorsichtig, aber doch bestimmt mitteilte, scheint sich ein Eintrag mit dem (zugegebenermaßen etwas reißerischen) Titel “U-Bahn-Tunnel in Hangzhou eingestürzt” nicht besonders dafür zu eigenen, nach langer Abstinenz ein beruhigendes Lebenszeichen abzusetzen - daher wollte ich es diesmal mit der Metapher eines im Meer chinesischer Zeichen ertrinkenden Studenten versuchen…

 
Chinesische Zeichen überall
 

Seit nunmehr zehn Wochen lerne ich während zwanzig Stunden pro Woche Chinesisch, büffle zusammen mit Koreanern und Mexikanern Grammatik (语法, yǔfǎ), lausche im Hörverständnis-Kurs (听力, tīnglì) meinem amerikanischen Klassenkameraden, parliere im Sprechtraining (口语, kǒuyǔ) mit einer Französin und einem Belgier elegant auf Französisch und entziffere im Lesekurs (阅读, yuèdú) ebenso wie meine Kommilitonen aus Schweden, Australien und Jemen Unmengen an Zeichen. Wenn der Unterricht vorbei ist, geht es ans Vokabeln lernen, die alle paar Tage in einem Diktat abgeprüft werden. Offen gestanden: Ich wurde am Anfang einfach zu hoch eingestuft.

In meinem Stundenplan ist das Wochenende frei, doch auch für sowas gibt es hier Abhilfe: samstags ein bilinguales Topologie-Seminar (ein Vortrag gemeinsam mit Sina steht im Dezember an), sonntags Mathehausaufgaben für Algebraische Topologie - die Vorlesung wird zwar auf Chinesisch gehalten, glücklicherweise aber in Englisch notiert!

Und so schwimme ich weiterhin vergnügt im riesigen chinesischen Ozean, mich von Zeit zu Zeit an einen Torus (so sagt man in der Topologie zu einem Schwimmring) oder ein anderes mathematisches Objekt klammernd…

U-Bahn-Tunnel in Hangzhou eingestürzt

Sonntag, 16. November 2008, 12:49 in China (UTC+8)

Vergleicht man die chinesische Millionenstadt Hangzhou, in der ich gerade studiere, mit ihren Nachbarstädten Shanghai und Nanjing, so fällt eines besonders auf: Die fehlende U-Bahn!

Statt in unterirdischen Röhren schnell von einem Ende der Stadt zum anderen befördert zu werden oder gar mit dem Transrapid mit nicht weniger als 400 Sachen zum Flughafen zu brausen, muss ich mich hier in überfüllte Busse drängen, die oftmals eine knappe Stunde unterwegs sind, bis sie ihr Ziel erreichen. Zwar sind Taxis eine nicht allzu teure Alternative, doch zur Rush-Hour, besonders mittags und gegen Abend, ist man oft schneller mit dem Fahrrad am Ziel, als man ein freies Taxi gefunden hat…

Doch jetzt wird Abhilfe geschaffen: Seit nunmehr 2006 wird im Untergrund ein Tunnelsystem angelegt, in dem Ende 2011 die ersten Züge fahren sollen. Langfristig soll die Hangzhou Metro (杭州地铁, Hángzhōu dìtiě) mit nicht weniger als acht Linien ein Streckennetz von 278 km Länge befahren.

Doch die Bauarbeiten haben gestern einen schweren Rückschlag erlitten: Ein unter einer Straße verlaufender Tunnel der Linie 1 stürzte auf einer Länge von rund 75 Metern ein und riss dabei mindestens drei Menschen in den Tod, weitere 17 werden aktuell noch vermisst, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua soeben vermeldete.

Room 4408

Dienstag, 30. September 2008, 23:04 in China (UTC+8)

 
Room 4408: Meine sieben Quadratmeter
 

Geschätzte sieben Quadratmeter Studentenwohnheim mit dem Charme eines Plattenbau-Hotels: das ist mein Zimmer im International College, mein Domizil für die kommenden Monate.
Für chinesische Verhältnisse lebe ich im reinen Luxus, die Wohnheimblocks um das College herum nichts dagegen: Hier residiere ich alleine, mit eigenem (kleinem) Bad, Schreibtisch, Telefon, Internet im Zimmer, sogar einem Fernseher. Zum Glück habe ich letzteren in Anbetracht des chinesische Programms gleich in den geräumigen Schrank verbannt, wo er nun ein trauriges Dasein in Gesellschaft meiner dreckigen Wäsche fristet.

Viel wichtiger als all diese Trivialitäten sind hier in China aber

  • die große, blaue Thermoskanne, in der stets heißes Wasser voller Freude auf den nächsten Aufguss wartet;
  • die stromfressende Klimaanlage, ohne die in schwülen Sommernächten kaum an Schlafen zu denken wäre, von Arbeiten während der Mittagshitze ganz zu schweigen;
  • die Zimmernummer 4408, die wohl jedem Chinesen einen kalten Schauer den Rücken herunter laufen lässt, denken viele doch bei der unglückbringenden Vier (四, sì) gleich an den ähnlich klingenden Tod (死, sǐ)…

Mehr Fotos gibt’s in meiner Bildergalerie.

Drei Chinesen auf der Umlaufbahn…

Samstag, 27. September 2008, 00:06 in China (UTC+8)

 
Shenzhou 7 auf allen Kanälen
 

Unter reger Anteilnahme des chinesischen Staatsfernsehens (gerade wird über nichts anderes berichtet) ist gestern Abend die dritte bemannte chinesische Weltraummission erfolgreich gestartet. An Bord der Rakete mit dem bedeutungsschwangeren Namen “Langer Marsch” (长征, chángzhēng) befinden sich erstmals drei chinesische Taikonauten, von denen einer morgen Mittag zum ersten chinesischen Spaziergang im All aussteigen wird - die “ambitionierteste und riskanteste Mission” der bisherigen chinesischen Raumfahrtgeschichte, so die offizielle Darstellung.

Ganz nebenbei ist das aber nicht die einzige Premiere bei der Shenzhou 7-Mission (神舟七号, shénzhōu qīhào), die als Teil der Vorbereitung für eine eigene chinesische Raumstation gesehen wird: Die Raumkapsel führt außerdem die erste chinesische Weltraumtoilette mit, die aus dem Urin der Astronauten wieder Trinkwasser gewinnt, darüber hinaus bietet sie die Rekordzahl von 80 verschiedenen Gerichten, aus denen die Taikonauten wählen können, darunter Kung-Pao-Hühnchen, Shrimps und getrocknete Früchte.

Glücklicherweise müssen wir uns nicht nur wegen erquicklichen Spaziergängen, modernen Toiletten und leckeren Gerichten wohl keine Sorgen um die Taikonauten machen: So meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua (新华通讯社, xīnhuá tōngxùnshè) bereits vor dem Start, dass die Sonde gut in der Erdumlaufbahn angekommen sei, und lieferte auch gleich detaillierte Dialoge der Protagonisten mit - die zu diesem Zeitpunkt noch sicher auf dem Erdboden weilten!

Im Gourmet-Paradies

Sonntag, 21. September 2008, 12:13 in China (UTC+8)

 
Gourmet-Reiseführer und Cheerday-Bier
 

Wer in den Genuss herausragender kulinarischer Spezialitäten kommen will, der muss unbedingt nach Hangzhou kommen: Wie ich der überaus informativen deutschsprachigen Broschüre mit dem klangvollen Titel “Die beste touristische Stadt von China - Hangzhou - Der Reiseführer von” entnehmen kann, ist die Hangzhouer Küche für das traditionelle Dongpo-Fleisch bekannt, “dessen Eigenschaft ist: [...] schlaff aber nicht zerbrochen, schmierig aber nicht fettig” (Seite 28).

Was könnte dazu besser passen als ein chinesisches Bier aus der Region, gebraut mit dem Wasser des nahen Qiandao-Sees? Zu meiner Beruhigung kann ich dazu auf dem Etikett meines “premium Quality”-Cheerday-Bieres lesen: “The water in Qiandao Lake is green and clear [...] and can be drunk directly without being cleaned“.

Na dann: 干杯!

Meine Uni, mein Campus, mein Block

Samstag, 13. September 2008, 17:27 in China (UTC+8)

Meine Uni: Die Zhejiang-Universität

Die Zhejiang-Universität in Hangzhou, benannt nach der Provinz Zhejiang, ist eine der ältesten, größten, forschungsstärksten und renommiertesten modernen chinesischen Universitäten. Hier studieren rund 43.000 Studenten, die zu den wenigen Glücklichen gehören, die die harte Auswahl überstanden haben. Dementsprechend stolz und motiviert bestreiten sie ihr Studium, tragen T-Shirts ihrer Fakultät und singen die Hymne ihrer Uni!
 

Mein Campus: Der Yuquan-Campus

Der Yuquan-Campus ist einer von sechs Campus der Zhejiang-Universität und zugleich deren ehemaliges Stammgelände. An der “Jadequelle” (Yuquan) sind vor allem Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure untergebracht - meist in monumentalen Betonbauten mit zweifelhaftem Charme, aber guter Ausstattung. Das Zentrum des Geländes, auf dem von den Studentenwohnheimen bis hin zu Frisör, Supermarkt und Fahrradwerkstatt alles für den Studentenalltag nötige versammelt ist, bildet die Bibliothek. Davor wacht ein überdimensionaler Beton-Mao, der aber nur noch als ein Relikt aus alten Tagen wahrgenommen zu werden scheint, gleichsam in seiner Rhetorik versteinert.
 

Mein Block: Das International College

Im International College sind zahlreiche Austauschstudenten (die meisten aus Korea, Japan und den USA) wie in einem Hotel untergebracht, außerdem findet hier der Sprachunterricht statt. Die Zimmer gleichen sich wie ein Ei dem anderen, auch der Blick nach draußen ist eher monoton: In alle Richtungen schaut man auf chinesische Studentenwohnheime, in denen die Zimmer meist vierfach belegt und bis weit in den Himmel gestapelt sind. Die hauseigene Kantine ist gut, günstig und richtig chinesisch, das Personal auch: Wer dachte, im International College ganz international mit Englisch durchzukommen, hat sich getäuscht!
 

Begrüßung der neuen Austauschstudenten

Mehr Fotos vom Campus gibt’s in der Bildergalerie.

“Es steht eine nationale Uni am Qiantang-Fluss”

Samstag, 13. September 2008, 17:03 in China (UTC+8)

Die offizielle Hymne der Zhejiang-Universität:


 

Und eine Übersetzung ins Englische (nach Chen Gang):

The vast sea contains all streams, all rivers;
Great learning connects Heaven and Earth.
Metaphysical is Tao; instrumental is Tool.
Rites tell people apart; Music gets them together.
To know their relations would make us ever brighter.

There’s a national university standing by River Qiantang,
Whose eternal philosophy is seeking truth from facts.
Progressive education can produce those able to govern;
Never say you know the essence, let alone the truth.
Reform is necessary, and renewal is a must;
To be a vanguard is to be both creative and innovative;
Dear young vanguards should be clear of the principles.

Be devoted to study, deep in thinking and good in understanding;
We offer arts, science, agriculture, technology, and beyond;
It needs you to know them all — their origins and applications.
To become successful people will be like true gold to be made;
To give up fractional views we’re of far sight and broad mind;
To rejuvenate our great nation is to harmonize the whole world.

Willkommen in Hangzhou!

Donnerstag, 11. September 2008, 23:52 in China (UTC+8)

 
Flughafen Hangzhou
 

Donnerstag, 28. August, 18 Uhr: planmäßig landet Flug CA1547 aus Beijing in Hangzhou, entlässt seine Passagiere in die klimatisierten Räume eines modernen Flughafens. Allein die komischen Zeichen auf den bunten Wänden und die seltsamen Laute aus den Mündern der Menschen lassen mich erkennen, das wir gerade weder in München, noch in Paris, London oder Berlin gelandet sind.

Im nächsten Moment öffnet sich die Schiebetür, schlägt uns schwül-heiße Luft entgegen, durchdrungen von beißendem Gestank: wie vom Flughafen Münchens auf das Rollfeld Ouagadougous.

Es ist schon dunkel, als wir dann quer durch die ganze Stadt zu unserem Wohnheim fahren, in dem wir später an diesem Abend kaum ein Wort verstehen werden. Draußen rast eine neue Welt an uns vorbei, lässt meinen Mund weit offen stehen:
Erst breite Straßen, vorbei an den immer gleichen Villenhäusern, dann Hochhaussiedlungen, eine dreistöckige Kreuzung, jetzt schon der ein oder andere Wolkenkratzer, bunte, blinkende Neonleuchten - plötzlich ein See, eine alte Pagode, Berge inmitten der Stadt…

Und das ist erst der Anfang.

Blogging – The Chinese Way

Dienstag, 9. September 2008, 18:02 in China (UTC+8)

Schon vor einer ganzen Weile in Hangzhou gelandet (vor elf kurzen Tagen, um genau zu sein), voller Eifer gewesen, ein erstes Lebenszeichen nach Hause zu schicken, doch dann:

Erst dauern die Formalitäten ein paar Tage, dann endlich Internet im Zimmer – doch nichts funktioniert. Nach einigen Stunden kommt ein Techniker, den ich ebenso wenig verstehe wie alle Anderen, weil er ebenso wenig Englisch und ich nur unmerklich mehr Chinesisch beherrsche. Wenigstens weiß ich jetzt, dass mir ein kleiner Zettel fehlt, den mir nie jemand gegeben hat; wahrscheinlich hat mir jemand erklärt, ich müsse ihn holen, doch verstanden habe ich das wohl nicht, stattdessen lieber freundlich genickt und mein weniges Chinesisch eingesetzt: “Hao, xiexie!”, “Alles klar, Danke!”.
Ein paar chinesische Zettel später ist dann auch schon mehr klar, ich surfe erstmals im chinesischen Internet, habe nicht vergessen, dass ich einen Blogeintrag schreiben wollte – und bleibe erstmal an der chinesischen Internetzensur hängen. Sogar die Wikipedia ist zugänglich, nicht aber unser gemeinsamer China-Blog. Meine Versuche, mich aus dem Uninetz zu tunneln, schlagen ebenfalls fehl: Jedes Mal bricht die Verbindung komplett zusammen, lande ich auf einer Seite mit großen, roten chinesischen Zeichen, die irgendwie recht unfreundlich aussehen.

Ein paar Tage später fasse ich mir ein Herz, setze meinen eigenen Blog auf (bisher wird er nicht geblockt), bin wieder frohen Mutes – bis das Internet im Wohnheim den Geist aufgibt, meine Daten gefangen sind in meinem überhitzten Laptop.

Seit ein paar Stunden scheint alles wieder zu funktionieren…